Kunstverein Bayreuth „Jetztpunkte“

Rede zur Ausstellungseröffnung am 2. November 2017
Angela Holzhäuer M.A. Kunsthistorikerin

Seit Urzeiten war es die Gestalt des Menschen, die der Bildhauer plastisch formte: Die Götter der Griechen hatten Menschengestalt, die Heiligen, die Engel und die Teufel. Zweifellos beherrschte das Menschenbild auch die Malerei – aber nicht mit der Ausschließlichkeit, wie es bei der Plastik der Fall war. Bis zum ausgehenden 19. Jahrhundert, ja sogar bis weit in das 20. Jahrhundert hinein konnten die Bildhauer einzig in der Gestalt des Menschen ihre religiösen, gesellschaftlichen, weltanschaulichen und allegorischen Vorstellungen sichtbar machen.
Erst im 20. Jahrhundert erlebte die Bildhauerei einen grundlegenden Wandel: Die Skulptur verlor an klassischer Glätte und an Endgültigkeit der Form. Sie wurde zum Ausdruck seelischer Spannungen und des „Nicht-Greifbaren“ von Empfindungen und Erregungen und ermöglichten dem Betrachter „Neue Wege des Sehens“.

Seitdem bestimmt die klassische Frage in der Bildhauerei, INHALT oder FORM die Diskussion. Dabei besitzt jede Form ihren Inhalt und jeder Inhalt hat eine eigene Form. In der Bildhauerei befasst sich der Künstler mit der Beziehung zum Material, mit der Beziehung zur Natur und mit den Ursachen der Erscheinungen der Dinge überhaupt – Das alles fasst er in Bildwerke zusammen.

Sie sind heute Abend in diese Ausstellung gekommen und bei der Betrachtung der gefalteten, verdrehten, gedehnten oder gestauchten Skulpturen werden sie sich die Augen gerieben haben uns sich gefragt haben: ist das wirklich der Werkstoff Holz? Wenn es Holz ist, wie sind dann derartige Objekte entstanden? Kann man Holz vielleicht doch schmelzen und in Formen gießen, oder bestehen die Bildwerke aus verschiedenen Stücken, die so aneinandergesetzt wurden, dass dem Betrachter die Nähte verborgen bleiben?
Die Wahrheit ist, jede dieser Holzskulpturen wurde aus einem Stück gearbeitet.

Dazu bedarf es einer künstlerischen Vision und der vollkommenen Beherrschung des Werkstoffes!
In dieser Ausstellung sind alle Werke der großen bildhauerischen Meisterschaft Heiko Börners zu verdanken.

Aber warum hat Heiko Börner sich für den Werkstoff Holz entschieden? Durch seinen Onkel, der Förster war, entstand eine besondere Beziehung zum Wald und damit zum Holz. Das war vielleicht die Initialzündung für seinen späteren Weg als Holzbildhauer. Außerdem, sagt Börner, hat ihn am Werkstoff Holz schon immer fasziniert, dass die Lebenszeit eines Baumes für uns nachvollziehbar ist, weil viele Bäume ungefähr so alt werden wie ein Mensch– (im Gegensatz zu der Geschichte der Steine, die Millionen Jahre alt sind und damit in ihrer Existenz für uns letztendlich nicht wirklich nachvollziehbar sind.)

Heiko Börner, der in München lebt und arbeitet, besuchte in den 90ger Jahren eine Berufsfachschule für Holzbildhauerei und schloss sie mit dem Meistertitel ab. Danach studierte er an der Akademie der Bildenden Künste in Wien in der Meisterklasse bei Bruno Gironcolis und erhielt dort 2004 den Meisterschulpreis der Akademie. Gefördert wurde Heiko Börner durch mehrere Stipendien, u.a. durch das Stipendium des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Österreich und durch Stipendien in NRW und Niedersachsen. Seit 2005 stellt Heiko Börner seine Arbeiten in Deutschland und Österreich aus, darunter in so namhaften Museen wie dem Haus der Kunst in München.

Börners Objekte sind „Raumzeitliche Gebilde“. Sie machen Prozesshaftes erfahrbar. Diesen Prozess, um den es in seinen Arbeiten geht, visualisieren seine Videofilme. Diese Videos zeigen jeweils eine Bildhauerzeichnung – wie in einem Daumenkino löst sich ein Teil des Holzstückes. Obwohl das Teil mit dem Grundblock verbunden bleibt, dehnt es sich, verdreht sich quasi in der Luft, um dann wieder zu seinem Ursprungsort und seiner Ursprungsform zurückzukehren. Alles ist wie vorher, aber einen Moment, eine Sequenz dieses Bewegungsprozesses, den hält Heiko Börner in seinen Bildwerken fest. Das bedeutet für uns als Betrachter, dass wir die Form zurück und auch weiterdenken müssen, ganz entgegen unseren altgewohnten Seherfahrengen und überhaupt unseren Erfahrungen mit dem Material Holz. Auch wenn die Videos das Verständnis des Betrachters für die Dynamik der Objekte erleichtert: die Videos und die Kohlezeichnungen will Börner als eigene Kunstwerke, nicht als Entwürfe oder Vorzeichnungen zu den Skulpturen verstanden wissen.

Wie entstehen Börners Holzskulpturen? Er beginnt immer mit einem Holzstück, wie einem Stamm oder Klotz und erarbeitet dann aus diesem Stück die Objekte, die er generell aus geometrischen Grundformen ableitet. Die Transformation geometrischer Grundformen bildet die Basis für Börners Arbeiten, nicht nur für die Skulpturen, sondern auch für die Kohlezeichnungen und die Videos. Die Ideen die er im Kopf hat, nehmen Gestalt an – als rätselhafte Skulpturenwesen voller Eigenleben. Dazu gehören bei den Holzarbeiten auch die feinen Rillen, die die Oberfläche aller Objekte bilden. Sie sind so fein ziseliert, dass man automatisch annimmt, sie seien mit extra dafür gemachten bildhauerischen Werkzeugen geschaffen worden. Weit gefehlt! Er schlägt die Rillen mit einer Axt in das Werkstück. Heiko Börner hat, wenn er beginnt, den Holzstamm zu bearbeiten, eine Vorstellung von dem Objekt, das er schaffen will; aber die endgültige Form entsteht im Arbeitsprozess. Der Bildhauer Tony Cragg hat das sehr treffend „Denken mit Material“ genannt. Die Skulptur ist für Börner an einem „Jetztpunkt“ vollendet, nämlich dann, wenn für ihn das Material so transformiert ist, dass es im Fluss ist.

Bei Heiko Börner wird die Skulptur zum dynamischen und prozessualen Ergebnis einer künstlerischen Handlung erklärt. Die Integrität des Materials wird niemals verletzt, noch verfremdet. Im Gegenteil, die spezifischen Eigenschaften werden explizit herausgestellt. Fehlstellen, wie Astlöcher, werden in die Arbeit einbezogen. Dennoch sieht das Holz verbogen oder gefaltet aus. Es überschreitet, die in der Realität mögliche Transformierbarkeit des Materials – und die am Ende jedes Werkprozesses aufgetragene feine, durchsichtige weiße Lasur unterstreicht den Prozess und gibt der Skulptur neben seiner ‚Natürlichkeit‘ einen Hauch von ‚Künstlichkeit‘.

Für den Betrachter wird die Wahrnehmung der Kunst von unmittelbaren Erfahrungen begleitet. Die Werke thematisieren einerseits Bewegung, andererseits statische Formen. Die Darstellung des naturgetreuen Abbildes als perspektivisches Daseinsbild mit sorgfältig entwickelten, räumlich geordneten Schichten ist nicht relevant für Börner. Vielmehr geht es um Formulierungen ästhetischer Volumen im Raum, wobei er Skulpturen und Holzreliefs mit organisch fließenden Formen schafft, die nicht mehr das Erscheinungsbild der Natur visualisieren. Die Wahrnehmung der Skulpturen ist abhängig vom Standpunkt des Betrachters und verändert sich von jedem Blickpunkt aus. Neben dem Spiel mit wechselnden Perspektiven und deren Wahrnehmung variiert Börner die Themen Schwerkraft und Gleichgewicht als physikalische Problematik von Körper und Raum. Gewicht und Gegengewicht sind sorgfältig ausbalanciert. Das führt dazu, dass trotz Monumentalität und Schwere, Leichtigkeit evoziert wird. Es entstehen Strukturen, die zwischen abstrakter und organischer Form die Natur zu assimilieren versuchen.

Heiko Börner lehnt inhaltliche Aspekte und Sinnzuschreibungen an das Material ab. Auch mit kunstgeschichtlichen Kategoriebegriffen ist seine Arbeit nicht zu fassen. Die Objekte wünscht er von allen erzählerischen und metaphysischen Intentionen und Bezügen frei.

Und dennoch: Auf der Suche nach Harmonie und universeller Form, fahndet er nach Wesens- und nicht Erscheinungsbildern. Inspiration bedeutet, den Moment der besonderen Anmut zu erfassen, den einen Augenblick der Schönheit. In Börners Skulpturen entfaltet sich ein archaisches, nuancenreiches Spiel von Formen: es verwandeln sich Hölzer in faszinierende Gestalten. Seine eigenwillige phantasiereiche Formensprache reicht vom Schlichten zum Opulenten, vom überbordend Sinnlichen und Chaotischen, zum kühl Abstrakten, vollkommen Geordneten. Die Arbeiten sind Fragmente einer Fantasiewelt, die den flüchtigen Augenblick überdauern. Sie verbinden Tradition und Modere auf poetische Weise.

Trotz aller kühnen Verdrehungen sind die Grenzen, die der Werkstoffes Holz hat, immer sichtbar und erfahrbar. Das erklärt vielleicht, warum der Holzbildhauer Heiko Börner auch mit raumgreifenden Installationen aus rotem oder gelbem Absperrband arbeitet. Mit diesen Installationen überwindet er jeden Raum: Hier im Rathaus hat er Stockwerke verbunden, an jedem andere Ort könnte er Flüsse, Straßen und Täler überspannen. Die Möglichkeiten sind unendlich! Obwohl der Werkstoff Plastikband keine Verwandtschaft zum Holz hat, lassen sich diese ‚Kunststücke‘ in ihren Verdrehungen und der endgültigen Form sofort als seine Arbeiten identifizieren und ermöglichen dem Betrachter auch einen Blick nach innen, was bei den Holzarbeiten so kaum möglich ist. Das eröffnet dem Künstler Heiko Börner eine zusätzliche Möglichkeit den Raum und im Raum zu verblüffen.

Ich komme zum Schluss, damit Sie Zeit haben, die Exponate dieser Ausstellung zu betrachten, denn Kunst soll man, laut Toni Cragg, mit den Augen und nicht mit den Ohren erfahren!